Ich bin allein, aber nicht einsam.


Tags: #Eindamkeit, #Menschen, #Gesellschaft, #Anarchie, #ADHS


Diesen Satz habe ich früher auch benutzt. Heute klingt er in meinem Kopf wie eine beschwichtigende Lüge, die man sich selbst erzählt, um die Stille auszuhalten. Denn die Wahrheit ist, ich war immer einsam. Nicht weil niemand da war – sondern weil diese besondere Nähe fehlte, dieses ungesagte Vertrauen, das sich im Schweigen zwischen zwei Menschen aufbaut, das gemeinsame Lachen über Nichtigkeiten, das Teilen von Zeit, als wäre sie etwas Kostbares und nicht nur ein leeres Gefäß. Ich vermisse das. Ich vermisse es so sehr, dass diese Sehnsucht manchmal wie ein zweiter Schatten neben mir hergeht.

Und doch stellt sich die Frage: Wie kann ich erwarten, geliebt zu werden, wenn ich mich selbst nicht liebe? Es ist ein zirkulärer Gedanke, eine Falle ohne Ausgang. Die Erwartung an andere wird zur Anklage gegen sich selbst. Vielleicht ist das der Grund, warum ich nie wirklich dazugehöre. Ich bewege mich durch die konservative Gesellschaft wie durch ein fremdes Museum – ich kenne die Regeln, ich sehe die Exponate, aber ich spüre keine Verbindung. Ich kann unsichtbar sein, wenn es sein muss, aber ich werde nie teilnehmen wollen an diesem Konsens.

Denn hier glaubt man an den Rechtsstaat, wie er ist, nicht wie er sein könnte. Man glaubt an Götter, um den Abgrund der Realität nicht ansehen zu müssen. Man lässt sich führen – von den sanften, allgegenwärtigen Impulsen der Tech-Konzerne, von den lächelnden Stars und Influencern, deren beste Absicht das eigene Konto ist. Es ist ein Strom von Lemmingen, die nicht hinterfragen, die nicht stutzen, die einfach weitergehen. Und ich? Ich hinterfrage. Immer. Die Struktur der Macht, das Gewebe der Religion, die Versprechen der Unternehmen. Ich bin der Schatten an der Wand, der beobachtet, aber nicht mitspielt. Ich stehe zu Ideen, die hier als utopisch gelten: Anarchie nicht als Chaos, sondern als Verweigerung gegen ungerechte Hierarchien. Atheismus als der mutige Blick in ein lichtloses Dunkel. Menschenrechte, Gleichheit, Gerechtigkeit – nicht als Slogans, sondern als unerreichte Forderungen.

Dazu kommt dies: mein Geist, der anders tickt. ADHS – ich leide nicht darunter, ich habe gelernt, mit den sprunghaften Gedankenflüssen zu leben, sie sogar zu schätzen. Aber es schreckt ab. Nicht weil es gefährlich wäre, sondern weil es unbekannt ist. Menschen fürchten, was sie nicht verstehen, und ziehen sich zurück in die Vertrautheit des Normalen.

Und dann der Körper. Dieser falsche Körper, der nie ganz mein Zuhause war. Ein Gefäß, das nicht passt, das sich fremd anfühlt, als trüge man ständig eine Haut, die einem nicht gehört. Man hasst ihn nicht aus Eitelkeit, sondern aus Entfremdung. Er ist der stumme, sichtbare Beweis dafür, dass etwas von Grund auf nicht zusammengepasst hat.

All das macht mich zu dem, was ich bin: einsam, fragend, anders. Manchmal denke ich, vielleicht ist diese Einsamkeit der Preis für das Nicht-Mitlaufen. Vielleicht ist das Hinterfragen ein einsames Geschäft. Es tröstet nicht. Aber es ist ehrlich. Und in einer Welt der angepassten Unwahrheiten ist die eigene, düstere Ehrlichkeit manchmal das Einzige, was einem wirklich gehört.

... dreht sich um und geht