Spieglein, Spieglein ...

ekel


Tags: #Hoffnung, #Ekel, #Spiegel, #Akzeptanz, #Schweigen


ist kein Geheimnis mehr. Ich stehe davor und sehe leere Augen, Augen ohne Hoffnung, ohne Erwartung, ohne dieses kleine Zittern, das man Leben nennt. Sie blicken zurück, fremd und müde, als gehörten sie längst nicht mehr mir, sondern all jenen Blicken, die sich im Laufe der Jahre in mir festgesetzt haben.

Das Gesicht, das mich ansieht, fühlt sich nicht an wie meines. Es wirkt inzwischen so auf mich, wie es immer angesehen wurde: mit Ekel. Nicht laut, nicht offen, sondern still, beiläufig, in diesen kurzen Momenten, in denen Menschen glauben, ich merke nichts. Dieser Ekel hat sich eingegraben, hat meine Züge nachgezeichnet, bis ich ihn selbst erkenne, noch bevor ich ihn denke.

Ich sehe keine Ausstrahlung. Kein Leuchten. Kein Versprechen. Ich sehe einen dunklen Fleck im Schatten, etwas, das man übersieht, selbst wenn es direkt vor einem steht. Und wenn es doch gesehen wird, dann nur, um sich innerlich abzuwenden, als wäre Nähe ansteckend, als könnte mein Dasein etwas übertragen, das man lieber nicht berührt.

Im Spiegel sehe ich das, was nicht in Form passt. Etwas, das zu still ist, zu anders, zu unbequem. Ich sehe einen Menschen, den man lieber ausschließt, weil Verstehen Mühe kostet und Akzeptanz Arbeit bedeutet. Es ist einfacher, wegzusehen, Etiketten zu verteilen, Grenzen zu ziehen und sich selbst dabei für tolerant zu halten.

Ich frage mich, wann ich angefangen habe, mich selbst so zu betrachten. Ob es ein einzelner Moment war oder eine langsame Ansammlung aus Blicken, Worten und Schweigen. Wahrscheinlich war es kein Knall, sondern ein stetiges Tropfen, das irgendwann Spuren hinterlassen hat, tief genug, um mein eigenes Bild zu verzerren.

Der Spiegel ist ehrlich, sagen sie. Aber vielleicht ist er nur ein Sammler. Er zeigt mir nicht nur mich, sondern auch all das, was andere in mir gesehen haben wollten. Ablehnung formt Gesichtszüge. Missverständnisse legen sich wie Staub auf die Haut. Und irgendwann sieht man nur noch das, was übrig bleibt, wenn niemand geblieben ist.

Ich stehe da und halte diesem Bild stand. Nicht aus Mut, sondern aus Gewohnheit. Ich kenne diesen Anblick. Ich weiß, wie man mit ihm lebt. Ich weiß, wie man sich klein macht, leise wird, nicht auffällt. Der Spiegel urteilt nicht. Das habe ich längst übernommen.

Vielleicht ist es genau diese Nüchternheit, die bleibt. Kein Trost, kein Aufbruch, kein versöhnlicher Schluss. Nur das tägliche Wiedersehen mit mir selbst, roh und ungefiltert, ohne Maske, ohne Ausrede. Ich lerne, diesen Anblick auszuhalten, nicht zu lieben, nicht zu hassen, sondern zu akzeptieren, dass er da ist. Der Spiegel schweigt. Ich auch. Und zwischen uns liegt ein stiller, schwerer Frieden.

... dreht sich um und geht