Spieglein, Spieglein ...

schmerz


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Ich erinnere mich an Dinge, die längst keiner mehr aufrührt – winzige Momente, in denen ich jemandem wehgetan habe, ohne es zu wollen, oder ohne es überhaupt zu bemerken. Es waren keine dramatischen Szenen, eher das leise Knirschen von Beziehungen, die unter unausgesprochenen Worten und kindlicher Rücksichtslosigkeit leiden. Ich war kein böses Kind, glaube ich. Nur achtlos. Und das Schlimmste daran: Mit der Zeit wurde aus dieser Achtlosigkeit ein Gewicht, das ich trage, als hätte ich es mir auserwählt.

Später, als ich erwachsen wurde, kamen die Einsichten. Mit ihnen kam die Reue – nicht laut, sondern leise, wie Nebel, der sich in alle Ritzen einer Wohnung schiebt, bis nichts mehr atmet. Ich dachte, eines Tages würde ich mich entschuldigen. Dass die Zeit heilt, dass Worte, auch wenn sie verspätet kommen, etwas wiegen. Doch dann kam der Tod. Und mit ihm verschwand die Möglichkeit, die ich mir so lange vorgestellt hatte. Eine Tür, die sich für immer schließt, ohne dass man je den Schlüssel in der Hand hatte.

Seitdem lebe ich mit dem Echo meiner selbst. Ich bin depressiv. Es fing mit zwanzig an, einem Alter, in dem andere beginnen, ihre Leben zu sortieren, während ich begann, mich selbst zu durchforsten – bis ins Letzte, bis zur Erschöpfung. Jedes Gespräch mit mir selbst endet irgendwann bei demselben Ort: bei dem, was ich war, und was ich nicht mehr ändern kann.

Ich beneide Menschen, die vergessen können. Die banale Bosheiten der Kindheit als solche abtun, lachen, weitergehen. Mein Kopf ist anders. Er bewahrt auf wie ein Archiv ohne Suchfunktion, in dem alles gleich wichtig ist: die gemeinen Blicke, die unhöflichen Worte, die Ignoranz gegenüber dem Schmerz anderer – all das lagert sich ab, Schicht um Schicht.

Manche sagen, Depression sei eine Krankheit. Vielleicht. Aber manchmal fühlt es sich an wie eine Art Gerechtigkeit. Als hätte ich, ohne es zu wollen, einen Vertrag mit mir selbst abgeschlossen: Ich trage das Gewicht, weil ich es verursacht habe. Weil es mir nicht verziehen wurde – und weil ich es mir selbst nicht verzeihe.

Ich denke nicht oft an den Tod. Nicht so, wie manche. Aber ich denke oft daran, dass es gerecht ist, wie es ist. Dass der Tod als Flucht, für mich nicht infrage kommt, weil ich die Qualen verdient habe.

... dreht sich um und geht