Spieglein, Spieglein ...

stolz


Tags: #Freundschaft #Nähe #Ehrlichkeit #Offenheit #Gemeinsamkeit #Stolz #Respekt


Ich denke oft darüber nach, was Freundschaft eigentlich bedeutet, und je länger ich darüber nachsinne, desto weniger passt sie in die gängigen Schablonen. Freundschaft ist für mich kein Kalenderereignis, kein regelmäßiges Abhaken von Treffen, kein Beweis durch Häufigkeit. Sie misst sich nicht daran, wie oft man sich schreibt oder sieht, sondern daran, was bleibt, wenn Stille dazwischen liegt. Mir scheint, echte Freundschaft ist leise. Sie drängt sich nicht auf, sie fordert nichts ein, sie wartet.

Es gibt Menschen, mit denen spreche ich alle paar Wochen. Manchmal vergehen Monate, ohne dass wir uns gegenüberstehen. Zwei- oder dreimal im Jahr vielleicht, wenn es hochkommt. Und doch fühlt sich jede Begegnung an, als hätte es die Zeit dazwischen nie gegeben. Keine Aufwärmphase, kein vorsichtiges Abtasten. Wir setzen dort wieder an, wo wir aufgehört haben – oder vielleicht dort, wo wir innerlich weitergegangen sind. Ich habe gelernt, dass Nähe nichts mit Permanenz zu tun hat. Dass Vertrautheit nicht wächst, weil man sie gießt, sondern weil sie tief genug wurzelt.

In dieser Freundschaft wird nichts zurückgehalten. Nicht die schweren Gedanken, nicht die lästigen Zweifel, nicht die kleinen, unansehnlichen Wahrheiten, die man sonst lieber für sich behält. Es ist ein Raum, in dem alles existieren darf, ohne erklärt oder relativiert zu werden. Wir sind füreinander da, nicht immer greifbar, aber verlässlich. Wie ein Licht, von dem man weiß, dass es brennt, auch wenn man es gerade nicht sieht. Und vielleicht ist es genau dieses Wissen, das trägt.

Zum Ende hin wird mir klar, wie viel Stolz sich leise in meine Gedanken geschlichen hat. Stolz darauf, Teil einer solchen Verbindung zu sein. Wir bringen beide unsere eigenen Brüche mit, unsere Baustellen, unsere unausgesprochenen Ängste. Vielleicht verstehen wir uns gerade deshalb so gut. Weil wir wissen, wie fragil Dinge sein können. Weil wir gelernt haben, vorsichtig zu sein – miteinander, aber auch mit uns selbst. Unsere Probleme sind verschieden, und doch erkennen wir uns im Riss des anderen wieder.

Es gibt eine Gemeinsamkeit zwischen uns, die auf den ersten Blick kaum eine ist. Etwas, das uns eher trennt als verbindet, etwas, das unterschiedlicher kaum sein könnte. Und dennoch halten wir daran fest, nicht um es zu glätten, sondern um es auszuhalten. Wir unterstützen uns, ohne alles verstehen zu müssen. Vielleicht ist das die reifste Form von Nähe: nicht Gleichheit, sondern Respekt. Nicht Übereinstimmung, sondern Loyalität.

Man könnte meinen, wir hätten eine lange Geschichte, Jahre voller gemeinsamer Erinnerungen, ein ganzes Leben vielleicht. Doch die Wahrheit ist schlichter. Wir kennen uns noch nicht einmal zwei Jahre. Und manchmal überrascht mich das selbst. Wie schnell Tiefe entstehen kann, wenn man sich nicht verstellt. Wie wenig Zeit es braucht, um etwas Echtes zu erkennen. Vielleicht ist Freundschaft genau das: ein stilles Einverständnis, dass Zeit relativ ist – und dass manche Verbindungen schneller wachsen, weil sie nichts beweisen müssen.

... dreht sich um und geht